Drucksache 17/1632

Ich frage die Staatsregierung, nach welchen Kriterien wurden die von der Staatsregierung eingereichten Vorschläge für das immaterielle Weltkulturerbe von der Expertenkommission ausgewählt, nach welchen Gesichtspunkten wurden die Mitglieder dieser Kommission vom Staatsministers für Bildung und Kultus, Wissenschaft und Kunst bestimmt und wann besteht die Möglichkeit einer erneuten Bewerbung?

Antwort des Staatsministeriums für Bildung und Kultus, Wissenschaft und Kunst

In der Bundesrepublik Deutschland ist das UNESCO-Übereinkommen zur Erhaltung des immateriellen Kulturerbes am 10. Juli 2013 in Kraft getreten. Es verlangt u.a. die Erstellung eines nationalen Verzeichnisses des immateriellen Kulturerbes. Bei der jetzt abgeschlossenen ersten Bewerberrunde liegt Bayern im Bundesdurchschnitt bezüglich der Bewerbungszahl deutlich an erster Stelle (mit 18 bayernspezifischen und 15 länderübergreifenden Anträgen).Für das nationale Verzeichnis darf Bayern, wie jedes Land in der Bundesrepublik, insgesamt zwei landesspezifische Vorschläge für die erste Aufnahmerunde in das Bundesverzeichnis melden. Dies muss bis zum 15. April 2014 beim Sekretariat der Kultusministerkonferenz der Länder geschehen. Die formal zulässigen, eingegangenen 15 länderübergreifenden Bewerbungen wer-den demgegenüber alle weitergegeben. Die konkrete qualitative Auswahl erfolgt hier erst auf der Bundesebene. Zur fachlichen Begleitung und Vorbereitung der Auswahl der zwei weiterzuleitenden bayernspezifischen Bewerbungen wurde ein hochrangig besetztes Expertengremium einberufen. Die Jury (Vorsitzender: Prof. Dr. Daniel Drascek, Lehrstuhl für vergleichende Kulturwissenschaft, Universität Regensburg) hat sich die Entscheidung nicht leicht gemacht und alle Anträge systematisch nach aus den Vorgaben der UNESCO-Konvention entwickelten Kriterien beurteilt. Die Hauptkriterien waren dabei wie folgt:- Alter, Kontinuität, Wandel, Brüche, Tradierung,- Inhalt und Substanz des kulturellen Erbes,- Trägergruppe und Bedeutung,- Erhalt, Weitergabe und Gefährdung,- Kommerzialisierung,- Formale Ausschlusskriterien.

Der Empfehlung der Experten folgend hat der Ministerrat am 1. April 2014 beschlossen, die Limmersdorfer Lindenkirchweih und die Passionsspiele Oberammergau als bayerische Vorschläge für das Bundesverzeichnis zu melden. Mit den Passionsspielen Oberammergau wird das international sicherlich bekannteste und mit 380 Jahren älteste und bedeutendste Passionsspiel der Welt vorgeschlagen. Die Limmersdorfer Lindenkirchweih mit ihrem seit 1729 nachgewiesenem Tanz in der Baumkrone ist sicherlich ein kleiner, aber ungemein feiner und schützenswerter Brauch, der zu den herausragenden dörflichen Kirchweihtraditionen zählt, für die es nur noch ganz wenige Beispiele in Deutschland gibt. Mit diesen Vorschlägen sind zudem Süd- wie Nordbayern präsent. Die Wahl macht auch deutlich, dass Bayern den kleinen und örtlichen kulturellen Ausdrucksformen ein ebenso großes Maß an Anerkennung und Wertschätzung entgegen bringt wie den überregional ausstrahlenden Traditionen. Darüber hinaus empfehlen die Experten, die Bewerbung für die „Genussregion Ober-franken“ für das vorgesehene Register guter Praxisbeispiele vorzuschlagen. Die guten Praxisbeispiele können nach den Regularien der Kultusministerkonferenz der Länder (KMK) zusätzlich ohne Auswirkung auf die Kontingente gemeldet werden. Die Persönlichkeiten der Expertenkommission wurden von Staatsminister für Bildung und Kultus, Wissenschaft und Kunst, Dr. Ludwig Spaenle, ausschließlich danach ausgewählt, dass in einer möglichst großen Breite und Tiefe Sachverstand hinsichtlich der zu erwartenden Anträge garantiert ist. In der Kommission sollen deshalb möglichst alle wesentlichen Bereiche der nach der UNESCO-Konvention möglichen Anträge abgedeckt sein: Diese sind die Bereiche- mündliche überlieferte Traditionen und Ausdrucksformen,- darstellende Künste (Musik, Theater, Tanz),- gesellschaftliche Bräuche, Rituale und Feste,- Wissen und Bräuche in Bezug auf die Natur und das Universum,- traditionelle Handwerkstechniken. Demzufolge wurden profilierte Experten aus dem Fachgebiet der Europäischen Ethnologie und Volkskunde, der Musikwissenschaft sowie der Sprachkunde berufen. Auch Vertreter von Handwerkskammer, Heimatpfleger und Freilandmuseen wurden beteiligt. Es wurde auch auf eine Berücksichtigung möglichst vieler Regionen Bayerns Wert gelegt. Für die Außensicht wurde auch ein ausländischer Wissenschaftler (Österreich) berufen. Die Persönlichkeiten ergeben sich im Einzelnen aus der als Anlage beigefügten Liste*).Der Ausschuss für Wissenschaft und Kunst des Landtags wurde vom Staatsminister Dr. Ludwig Spaenle und dem Vorsitzenden der Expertenkommission bereits am 22. Januar 2014 in nichtöffentlicher Sitzung vorab über die sich abzeichnenden Empfehlungen unterrichtet. Der ausführliche Expertenbericht, aus dem sich die Kriterien im Einzelnen und die Beurteilungen der Anträge im Einzelnen ergeben, wurde dem Landtag unmittelbar nach dem Kabinettsbeschluss zur Weitergabe an die Abgeordneten bereits übermittelt. Aufgrund der hohen Qualität nahezu aller in Bayern eingegangenen bayernspezifischen Anträge wurde entschieden, das immaterielle Kulturerbe künftig auch selbst in einem eigenen bayerischen Landesverzeichnis zu sammeln und zu präsentieren. Alle kulturellen Ausdrucksformen des Landes soll damit eine angemessene Plattform gegeben werden. Die konkrete Ausgestaltung und Umsetzung des bayerischen Landesverzeichnisses wird derzeit unter Einbeziehung der Expertenkommission noch erarbeitet. Bereits eingegangene landesspezifische Bewerbungen werden nicht nur im bayerischen Landesverzeichnis dokumentiert werden, sondern können natürlich auch bei künftigen Bewerbungsrunden für das Bundesverzeichnis erneut berücksichtigt werden. Die genauen Daten der nächsten Bewerbungsrunde wurden bisher von der Kultusministerkonferenz nicht beschlossen; es ist aber voraussichtlich 2014 oder 2015 mit einer neuen Bewerbungsrunde zu rechnen.

*) Von einem Abdruck wurde abgesehen. Die Anlage ist als pdf-Dokument hier einsehbar.